teemeditation

Bekannt ist die japanische Teezeremonie – eine sehr komplizierte, streng ritualisierte Abfolge von Handlungen. Aber wenn man genauer hinschaut, auf das was die Essenz ist, was sich auch in Gedichten und Begriffen aus der Zen-Welt zeigt, erkennt man, dass das eigentliche Ziel eine große Einfachheit ist. Und genauso praktiziere ich auch. 
   Es drückt sich schon in dem japanischen Wort für das Teetrinken aus: cha-no-yu, „heißes Wasser für Tee“. Kein Schnick-Schnack, das scheint schon der Begriff auszudrücken. Man zelebriert die Teestunde mit den schönsten Dingen, die man gerade zur Hand hat. 
   Wie in der Meditation, zeigt sich in der größtmöglichen Einfachheit dann die größtmögliche Fülle. Als ich dies verstanden habe, konnte ich mit den Begriffen „Tee-Weg / cha-do“ und „Mensch des Tees / chajin“ etwas anfangen. Genau wie die formale Sitzmeditation eine Praxis ist, die nur Sinn hat, wenn sie in den Alltag führt, den Alltag verändert, ist dies die Teemeditation, wie ich sie jetzt mal nennen möchte. 
   Ich kann mich einerseits auf die Zubereitung, das Trinken, fokussieren. Andererseits kann ich das Bewusstsein auch weiten, in einen Zustand der open awareness eintreten. Prinzipiell kann ich diese Meditation eigentlich mit jedem Heißgetränk machen. Kaffee, Kakao, Kräutertee. Was ist aber das Besondere am grünen Tee? Ich trinke den grünen Tee am liebsten in einem Zimmer, das einen Bezug zu einem Stück Natur hat, einem Garten, einem Baum oder vielleicht auch nur ein paar Zimmerpflanzen. Das schillernde Grün hat ja etwas von Chlorophyll und der Geschmack hat etwas sehr pflanzliches, grasiges, blumiges. Es ist für mich beim Trinken, als wenn ich einen Extrakt der Pflanzenwelt um mich herum trinken würde. In dem Schluck Tee ist auch das Wasser aus den Wolken, die Mineralien der Erde, die Sonne. Sehr schön drückt diesen Aspekt ein japanischer Teemeister in einem kleinen Gedicht aus: 

"Hebst du sie an die Lippen, 

die Schale mit grünem Tee, 

so siehst du deutlich

auf ihrem Grund

des Himmels Blau und das Grau des Meeres."

– (Rikyu 1522–1591) –

Es ist also auch hier ein Bewusstseinszustand im Spiel, der das beinhaltet, was Thich Nhat Hanh Inter-Sein nennt: die Verbindung alles Seienden. Nichts existiert für sich allein, alles ist voneinander abhängig. Das ist die berühmte Einheit von Form und Leere, von der im Buddhismus oft die Rede ist. Keine Form existiert für sich, alles ist vernetzt, verbunden. Nochmal ein eigenes Thema! 
   Bei aller Einfachheit, ist der Tee-Weg, in der Schlichtheit in der ich ihn verstehe, also mit einer bestimmten Haltung verbunden. Diese Haltung, diesen Bewusstseinszustand kann man kultivieren. Und genau da fangen die Übungen an, die ich anbiete: Kleine Texte, Rituale. Die Auswahl der Dinge für die Zubereitung. Auch eine ganz bestimmte Ästhetik kann unterstützen, um in diesen Bewusstseinszustand zu kommen. Und dieser Bewusstseinszustand ist kein Selbstzweck!

Ein spiritueller Weg, der nicht in den Alltag führt, ist ein Irrweg.

– Willigis Jäger (1925–2020) –

In meiner Erfahrung verändert die Tee-Meditation den Alltag: der Sinn für Details wird geschärft, für Schönheit, die Genussfähigkeit erhöht, die Fokussierung gelingt besser, das Gefühl des Glücks der Verbundenheit ist wie ein Grundrauschen immer mehr und kontinuierlicher spürbar. 

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